Das Flaggenmeer von Kyjiw

Kyjiw begrüßt uns

Wir fahren über die Autobahn von Odessa nach Kyjiw. Nach einem kleinen Rastplatz befindet sich ein Monument, welches den Ortsanfang kennzeichnet. Nahezu alle Städte im Land haben mehrere solcher Monumente. Was hier aber vor allem ins Auge sticht ist eine Art Panzer, der zwischen zwei kleinen Steinmauern steht und dessen Rohr direkt in Richtung des ankommenden Verkehrs gerichtet ist. Fährt man normal über die sechsspurige Autobahn, fällt es einem vermutlich gar nicht auf oder man hält die Konstruktion für einen echten Panzer. In jedem Fall sendet es direkt eine eindeutige Nachricht.

Orts-Eingangsmonument von Kyjiw vor dem ein mit Tarnnetz abgedecktes Fahrzeug zwischen zwei Schutzmauern steht, aus dem ein Rohr Stadtauswärts gerichtet ist.
Ortseingang von Kyjiw

Der Anblick ist nicht wirklich ungewöhnlich, waren wir doch schon an mehreren Militär-Checkpoints vorbei gefahren und kontrolliert worden. Durch unser Deutsches Nummernschild wahren wohl mehrfach aufgefallen. Die Soldaten staunten immer wieder nicht schlecht, freuten sich aber jedes mal und waren extrem freundlich zu uns. Auf dem Weg von Odessa nach Kyjiw war das GPS auf Grund der Luftangriffe mehrfach gestört worden, was die Navigation teilweise erheblich schwerer machte. Nicht nur einmal wiesen uns die Soldaten an den Checkpoints auf den richtigen Weg.

Fußgänger­unter­führungen ermöglichen es unter den sechs Spuren der Straßen entlang zu laufen, ohne lange auf eine seltene, dafür aber kurze, Grünphase von Ampeln warten zu müssen. Ein Konzept, was ich von Zuhause überhaupt nicht kannte. Sehr praktisch ist dabei auch, dass beispielsweise am Maidan diese Unterführungen direkt zum teilweise unterirdisch liegenden Globus (einer kleinen Mall) führen. Geht man noch tiefer, gelangt man dann zur Metro.

Einchecken im Hotel

Die letzten Meter der Fahrt führen uns rechts ab von der Hauptstraße über Kopfsteinpflaster, entlang an Panzersperren, in Richtung des Regierungsbezirks. Laut den Schildern ist die Einfahrt verboten und zwei an der Straße geparkte Polizeiautos untermauern das noch einmal. Trotzdem widersetzen wir uns, da wir in den letzten Jahren gelernt haben, dass das trotzdem der korrekte (und einzige) Weg zum Hotel Ukraine ist. Bei unserem ersten Besuch sind wir ein Stück zu weit gefahren und auf Höhe des Militär-Checkpoints tauchte neben uns - aus dem Nichts - ein Soldat auf, und wies uns darauf hin, dass wir jetzt bitte verschwinden sollten. Die Polizisten sitzen im Auto oder stehen daneben auf der Straße und beachten uns kaum.

Und dann stehen wir direkt vor den Treppen des Hotels. Bereit zum Einchecken. Die Hotellobby ist pompös und mit Marmor verkleidet. Die Decken sind (typisch für diese alten Sowjetischen Gebäude) irgendwas zwischen drei und fünf Metern hoch. Im abgedunkelten Bereich hinter dem Schalter kann man sehen, wie Teile der Deckenverkleidung herunter hängen. Die Erschütterungen der Einschläge in den vergangenen Tage haben überall ihre Spuren hinterlassen. In der ganzen Stadt sieht man immer wieder zerbrochene und mit Holz ersetzte Fensterscheiben, die zu Bruch gingen. Auch wie die letzten male holten wir uns das Zimmer im neunten Stock mit Aussicht über die Stadt in nördliche, westliche und südliche Richtung. Wir legten unsere Koffer ins Zimmer, brachten das Auto auf den bewachten Parkplatz und gingen direkt auf den Maidan.

Der Maidan ist zentral gelegen. Die sechsspurige Straße führt über den Platz, der dadurch quasi in den westlichen und den östlichen Teil getrennt ist. Durch die Unterführungen ist das aber kein Problem. Am Rande der östlichen Hälfte befindet sich unser Hotel. Wir gehen in Richtung der Straße, wo das Leben tobt. Super viele Menschen treiben hier herum. Die Geschäfte sind besucht, die Kaffeebuden haben viel Kundschaft und die Parkbänke sind voll mit Leuten die sich unterhalten und ihr bestes Leben leben.

Die verschwundene Wiese

Kurz vor der Straße befindet sich ein Stück Rasen. Dieses Jahr kann ich den Rasen nicht sehen, aber ich weiß aus den letzten Jahren, dass er da ist. Inzwischen ist er komplett bedeckt mit Fahnen, Bildern und Gedenktafeln. Zu Kriegsbeginn hatten die Leute angefangen, hier kleine Ukraine-Flaggen in die Wiese zu stecken um ihren gefallenen Angehörigen zu gedenken. 2023 waren das ein paar Quadratmeter, 2024 schon mehr. Jetzt war vom Rasen nichts mehr zu sehen. Kleine Pfade führten durch das Flaggenmeer. Zu sehen, wie viel größer alles geworden ist, brachte mir wirklich einen Klos in den Hals.

Das Umdenken der MAGA-Influencer

Noch bevor wir uns das Flaggenmeer genauer ansehen konnten, sahen wir eine Frau, die in Kameras sprach, gefolgt von einem Socialmedia-Team. Interessanterweise ist auch das ein Anblick, der hier recht normal ist. Hatten wir hier vor zwei Jahren noch das ZDF-Heute-Team, einige hundert Meter weiter den Journalisten von Al Jazeera und in unserem eigenen Hotel ein Ungarisches Fernsehteam gesehen, war das nun auch nichts Ungewöhnliches - Dachten wir zumindest. Recht schnell erkannte Alex die Frau. Sie war Laura Loomer, eine rechte MAGA-Influencerin und ganz oben auf der Liste von Donald Trump. Zwei Tage vorher hatten wir noch einen Spiegel-Artikel über ihre Reise in die Ukraine gelesen, da sie gerade einen Sinneswandel durch machte und für sich entdeckte, dass die Ukraine nicht voll mit Nazis steckt, so wie es die Russische Propaganda behauptet. Das markante Beitragsbild von ihr beim McDonalds und ausgebrannten Gebäuden im Hintergrund war noch vor unseren Augen. Sie drehte gerade noch irgendwelche Videos, aber wir wollten sie ansprechen und zur weiteren Unterstützung der Ukraine bewegen. Wir schauten uns noch die Flaggen und Bilder der gefallenen Soldaten an. Es ist wirklich herzzerbrechend zu sehen, wie viele Soldaten es inzwischen waren. Jedes mal wenn ich sah, dass die gefallenen Soldaten noch fünf Jahre jünger als ich selber waren, fühlte ich mich noch schlechter. Ein Gefühl, welches auf dieser Reise häufiger auftrat.

Ich hatte Laura Loomer und Alex aus den Augen verloren. Ich ging um das Flaggenmeer herum und sah niemanden. Die Bilder und Flaggen standen so nah beieinander, dass man auch nicht hindurch blicken konnte. Also ging ich durch das Flaggenmeer. Es dauerte vier Minuten, bis ich Alex fand. Er unterhielt sich gerade noch mit dem Kameramann von Laura Loomer. Als ich dazu kam, war die Stimmung zwischen den beiden sehr nett. Er fragte auch noch, woher wir kämen und dass er es sehr cool finde, dass wir aus Deutschland da waren. Vielleicht war das aber auch die Amerikanische Höflichkeit. Alex war mit ihm ins Gespräch gekommen, nachdem er zu Laura Loomer ging und ihr sagte:

Send the fucking missiles!

Neben einer Treppe und einem Fußweg türmen sich hunderte Flaggen, so dass kein Rasen mehr zu sehen ist. Ganz oben ist auch eine Estländische Flagge zu sehen. Viele eingerahmte Fotos der gefallenen Soldaten sind zu sehen.
Teil des Flaggenmeers

Das schien sie wohl leicht irritiert zu haben. Alex wiederholte den Satz dann wohl etwas höflicher und sie begriff. Es fand so kein wirklich tief gehendes Gespräch statt, aber sie verstand was gemeint war. Wenige Höflichkeiten später brach sie mit ihrem Team auf. Sie verabschiedeten sich bei uns und waren weg. Wir blieben noch einige Minuten im Flaggenmeer. Die schiere Menge erforderte es, dass wir aus Respekt noch blieben und uns die Bilder der Gefallenen ansahen. Es wäre pietätlos gewesen, dort aus der Menge Fotos zu machen, daher unterließ ich das. Später machte ich noch eines aus der Entfernung. Es fiel vor Allem auch auf, dass nicht nur Ukrainische Flaggen dort aufgehangen waren, sondern auch die, der jeweiligen Freiwilligen. Es gab einen Bereich mit Litauischen Gefallenen, einige auch mit Fotos aus den Schützengräben oder ein kleiner Bereich für Amerikanische Freiwillige. Die Stimmung wurde dort nicht besser, viel mehr bekam man Bauchschmerzen.

Keine Panik trotz Luftalarm

Als wir später weiter gingen um etwas zu essen, sah ich noch, wie jemand sich vor das Flaggenmeer kniete und anfing zu beten - sehr niederschlagend. Außen herum liefen Passanten und gingen ihrem Alltag nach. Als Außenstehender ist das zunächst schwer zu begreifen. Wie können die Menschen hier nur normal leben und so tun als sei nichts? Mit der Zeit begreift man aber das Offensichtliche: Diese Leute haben keine andere Wahl. Man kann nicht über vier Jahre im Ausnahmezustand sein. Wenn die Raketen einschlagen rennen natürlich alle in Sicherheit und in die Metro, wenn möglich. Aber ein einfacher Luftalarm sorgt nicht dafür, dass die Leute anfangen panisch herum zu rennen. Unser Bild von Luftalarmen ist sehr geprägt aus den Geschichten des zweiten Weltkriegs. So ist es hier aber nicht. Der Luftalarm kommt, überall ertönen Sirenen und die Handys spielen schrille Geräusche ab, aber die Leute machen ganz normal weiter. Dieser starke Kontrast ist mir sehr in Erinnerung geblieben.