Ein Spaziergang in Charkiw
Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe an Berichten über unsere Ukraine-Reise 2026. Einige davon stammen auch von meinem Freund Alex, mit dem ich unterwegs war.

“1517” prangt auf einer Plakette an der mächtigen Eiche vor mir. “1517”, das war vor über 500 Jahren - Massiv zeit. “Dieser Baum stand schon vor der Gründung der Stadt Charkiw hier”, denke ich und frage mich, was dieser Baum wohl alles schon gesehen haben muss.
Mein Blick streift durch den Park, durch dieses friedliche Idyll. Die Menschen um mich herum machen einen friedlichen Eindruck. Familien sind her gekommen um das gute Wetter zu genießen. Jogger drehen ihre Runden, Kinder-Gelächter zu sanfter Musik die in den Cafes gespielt wird. Die Stadt lebt.

Nationale Persönlichkeiten
Wir laufen weiter zwischen prunkvollen Springbrunnen, farbenfrohen Blumenbeeten und Statuen berühmter Persönlichkeiten der Stadt. “Hier wirkt alles normal”, denke ich. Nach ein paar weiteren Metern laufen wir am Herzen des Parkes vorbei: Eine große Statue von Taras Schewtschenko (ukrainisch: Тарас Григорович Шевченко). Leider konnten wir ihn selbst nicht sehen, da die Statue seit Kriegsbeginn durch Holzpalisaden und Sandsäcke geschützt wird. Hier in dem Park, der vor 2023 noch Maxim Groki-Park hieß.
Beides steht sinnbildlich für die neue Identitätsfindung der Ukraine nach 2014. Während ehemalige sowjetische Persönlichkeiten, nach und nach aus der offiziellen Geschichtsschreibung getilgt werden (Entrussifizierung), haben Persönlichkeiten wie Schewtchenko einen besonderen Stellenwert der das ukrainische Nationalbewusstsein und die eigene Identität hervorheben sollen.

Maxim Gorki (russisch: Максим Горький) war ein russischer Schriftsteller der viel über das Leben der einfachen Bürger schrieb und er gilt als Begründer des sozialistischen Realismus. Dadurch wurde er zur literarischen Ikone in der Sowjetunion.
Taras Schewtschenko hingegen war der bedeutendste Schriftsteller der Ukraine und begründete die heutige ukrainische Sprache und Literatur. Bis heute gilt er als zentrales Symbol des ukrainischen Nationalbewusstseins. Er stellt damit quasi die Personifikation der ukrainischen Unabhängigkeit dar.

Nichts ist heilig
Von der Statue aus bewegen wir uns Richtung Innenstadt. Am Ende des Parks erreichen wir das städtische Theater, das in der Vergangenheit, häufiger Ziel von russischen Luftangriffen geworden ist. Direkt gegenüber des Theaters liegt eine alte und prunkvoll ausgestattete orthodoxe Kirche, die ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Unsere Reisebegleitung erklärt uns, dass das Theater vor dem Krieg ein Hotspot in der Stadt war. Es wirkt skurril: Auf der einen Seite der Brutalismus, auf der anderen Seite die Jahrhunderte alte Kirche. Ein weiteres Sinnbild der ukrainischen Zerrissenheit, wie man es hier tausendfach im Großen und Kleinen sieht.

Zum Ende hin liefen wir noch knapp einen Kilometer vom Park, am Rathaus vorbei durch die Stadt in Richtung unseres Autos. Dabei sahen wir super viele kleine Geschäfte. Überall waren Menschen und von überall ertönten Musik oder Gespräche. Wir hatten direkt vor der Shopping Mall Nikolsky geparkt. Von dort aus hatten wir unseren Spaziergang zusammen mit unserer “Reiseführerin” Anna begonnen, weil wir noch ein paar Erledigungen machen mussten: Marius Schuhe hatten schon Löcher in der Sohle und für Zuhause brauchten wir noch ein paar Souvenirs. Anna wohnt mit ihrem Mann in Charkiw. Sie ist die Mutter einer befreundeten geflüchteten Ukrainerin, die in Deutschland lebt. Dadurch, dass sie sich Zeit für uns nimmt, erhalten wir einen authentischeren Einblick in das Leben der Menschen in der Stadt.

Die Mall
In der Mall konnte man den Krieg da draußen beinahe vergessen. Die Geschäfte dort sind zum Großteil die selben wie bei uns Zuhause. Im obersten Stock befand sich noch der Eingang in das Kino. Eine halbe Stunde lang hatten wir in einem recht großen Supermarkt im untersten Stock verbracht. Es fühlte sich an, wie ein REWE bei uns zu Hause. Der größte Unterschied war, dass der Besitzer der Filiale hier wohl ein Freund von Steampunk Dekoration war. Die Regale im Markt sind gut gefüllt und hier ist alles zu finden, was man nur kaufen kann. Vergleichbar mit Läden in deutschen Millionenstädten. Die Preise hier liegen über dem Durchschnitt, aber das tun sie in solchen Geschäften Zuhause auch.
Zusammen mit unserer Begleitung aßen wir noch ein Stück Kuchen beim Bäcker, bevor sich unsere Wege wieder trennten. Nachdem Anna uns den ganzen Tag über die Stadt gezeigt und erklärt hatte, machte sie sich nun auf den Weg zur U-Bahn. Wir verließen die Stadt mit dem Auto und gaben unser Bestes, die Stadt nicht im Norden zu verlassen, von wo die Front wirklich nur noch ein Katzensprung entfernt wäre. Mit den Störungen vom GPS, die es bei Angriffen gab, war das nicht ganz unkompliziert.

